Am Freitag den 11.03. waren wir 4 wieder allein unterwegs. Ich hatte mich eigentlich mit meinem Tandempartner Motoi verabredet. Doch wir wollten uns erst gegen 16.30 Uhr in Shinjuku treffen, sodass noch Zeit war, vorher erst nach Nakano (nordwestlich von Shinjuku) zu fahren. Dort gab es ein vier stöckiges Kaufhaus, in dem es viele Manga, Anime- Merchandiseartikel zu kaufen gab. Alex erzählte schjon einmal davon. Wir nahmen also gegen 10 Uhr wieder den Rapid von Sagamiôno nach Shinjukju und kurz vor 11 Uhr kamen wir im Kaufhaus an. Wir machten eine Zeit fürs Mittag aus und liefen dann jeder für sich los.
Es gab wirklich alles. Vom Bookoff für ältere Manga, über einen für neuere, Von Läden, die Animef, Comic, Star Warsfiguren verkaufen, bis hin zu Edelboutiken, Spielhallen usw... . Halb 2 trafen wir uns zum Mittag.Für mich und Markus gab es katsuton mit Curryreis. Die beiden Damen hatten glaube ich Udon. Das Essen war gut, aber leider sollte es unser letztes in einer "Gaststätte" sein.
| Curryreis |
Nachdem alle satt waren, ging es zur zweiten Shoppingrunde. Ich kaufte ein paar Mitbringsel und dann noch einen Manga names compellion. Dieser handelt vom Leben in Tokyo nach einer atomaren Katastrophe... . Weiß gar nicht, wie ich sowas beschreiben soll. Gegen 14.50Uhr, ich schaute nicht auf die Uhr, als es passierte, aber ich rechnete es später zurück, ich stand gerade neben einem copyshop in der vierten Etage des Kaufhauses, als es anfing. Die Erde fing langsam an zu beben, manche Japaner gingen einfach weiter und störten sich nicht daran. Als es aber nicht aufhörte und sogar noch stärker wurde, blieben auch sie stehen und man sah den älteren Japanern an, dass dies ein größeres Erdbeben sein musste. Ein paar wenige Frauen eilten durch den Gang und riefen leicht hysterisch. Ich schaute immer wieder zu Decke und hoffte, dass nichts herunter kommt. Sollte es doch passieren, wäre vom Haus vermutlich nicht viel über geblieben. Es hörte zum Glück wieder auf, rückblickend weiß ich nicht mehr wie lang es war, aber ich denke es ging schon weit über eine halbe Minute. Der Besitzer des Copyshops hob ein, zwei Sachen auf, die während des Erdbebens runterfielen, dann wendete er sich wieder dem normalen Geschäft zu. Ich machte mich sofort auf die Suche nach den anderen drein. Ich fand sie in der dritten Etage und es war niemanden etwas passiert. Ich sah allerdings, dass in einem Geschäft, sämtliche Bücherregale umgefallen waren, und die Mitarbeiter anfingen, alles wieder auf zu räumen. In den anderen Läden bemerkte ich sonst keine Schäden und der normale Alltag zog wieder ein. Vielleicht 20 Minuten später bebte es wieder. Ich war gerade in einem garakuta-ten (Plunder, Kram - Laden), als plötzlich die Figuren, von denen ich eine genauer anschauen wollte, mit wackeln anfing.
Ich ging heraus un d traf Markus, und scherzte noch zu ihm: "Kaum sehen wir uns wieder, fängst schon wieder an." Es dauerte nicht so lang und war auch viel schwächer, als das erste Beben. Aber man sah in manchen Augen doch die Angst und viele Läden schlossen darauf. In einem Geschäft saßen vier junge im Lolitalook gekleideten Verkäuferinnen. Sie waren starr vor Angst und in ihren Augen sah man Entsetzen und die blanke Angst. Von meinen drei Komilitonen, denen zum Glück wieder nichts geschah, hörte ich später, wie eine
ältere Frau ständig kowai, kowai rief. Selbst für die ältere Frau, die bestimmt schon unzählige Beben mitgemacht hatte, war diese Beben fürchterlich und schrecklich. Ich und die drei anderen waren also Zeugen von einem besonders schweren Beben geworden. Allerdings machten wir uns bis dahin keinerlei Gedanken, wie schlimm es wirklich war. Denn es wirkte weiterhin alles völlig normal. Gegen halb 4 Uhr trafen wir uns unten vor den Rolltreppen, selbst diese funktionierten noch und waren nicht eingestellt. Während wir das Kaufhaus verließen, kaufte ich zum einem weil es lecker aussahe und zweitens zur Beruhigung, in einem japanischen Bäckerladen, in dem es europäisch aussehende Backwaren gab, eine Semmel und ein Erdbeerteilchen. Das Brötchen schmeckte wie zu Haus und auch das Teilchen vermittelte einen "heimatlichen"
Geschmack. Als wir zum Bahnhof kamen, wurde uns klar, das das Beben doch mehr war, als es den anschein hatte. Wir mussten realisieren, dass keine Züge mehr fuhren. Vor der Station versammelte sich eine rießige Menschenmasse und wartete auf Infos bzw. manche auf den Bus. Zu warten machte keinen Sinn, sodass wir beschlossen, erst einmal nach Shinjuku zurück zu laufen. Wir mussten nur einfach den Gleisen folgen. Viele machten es uns nach, die Stimmung unter uns 4 war bedrückt. Wir rissen ständig dumme Witze, und gingen
uns ziemlich auf die Nerven. Aber ein jeder wollte dennoch eine gefasste Fassade aufrecht erhalten. Wir kamen an einem Kombini vorbei, in dem wir uns erstmal mit Essen eindeckten und zur weiteren Beruhigung Meiji - Schoklade kauften und sofort vertilgten. Wir wanderten durch den Higashinakano und den Kitashinjuku - chome. solche Wohngebiete seht man nur in solch ungewöhnlichen Situationen. Endlich kamen wir auf eine Straße, die uns bekannt vor kam. Wir liefen einfach nur noch hintereinander lang.
Motoi konnte ich später über email erreichen, wir versicherten uns gegenseitig unsere Gesundheit und ich erfuhr, dass er seine Großeltern in Sendai nicht erreiche... .
| Keine Züge fuhren... |
| ...und schon sieht man mehr Leute auf den Straßen. |
| versteckte Tempelanlage im Wohngebiet |
| Skyline von Shinjuku |
Die Straßen um den Bahnhof waren voll mit Autos und Menschen und der Strom von beiden riss auch nicht ab. Jeder versuchte irgendwie ein taxi oder einen Bus zu erwischen. Markus kam doch allen ernstes darauf, rum zu gehen und seine Umfragen durch zu führen... . Er sah wenigstens später ein, dass dies absolut nicht angebracht war. Aber grade die Tatsache, dass viele Japaner seinen Zettel aus füllten, zeigt wieder die Gelassenheit und die Akzeptanz dieser Situation.
Nach eine Weile, es war draußen schon dunkel geworden, kam Alex auf die Idee, an den Schienen der Odakyu line entlang Richtung Sagamiôno zu gehen. Zudem konnte sie dieses Warten und diese Tatenlosigkeit nicht ertragen. Wir setzten uns wieder in Bewegung und versuchten die Gleise zu finden. Das war gar nicht so einfach, da die Schienen unterirdisch starteten. Wir verliefen uns also kurz und kamen an einem großen Bildschirm am Südausgang des Bahnhofs vorbei. Dort sahen und realisierten wir erst, was das Erdbeben
wirklich bedeutete! Wir sahen Bilder von einer Welle, die über Felder rollte und alles mit sich nahm. Ich blieb regungslos und mit dem offenen Mund des "Entsetzens" stehen. Ich war wirklich geschockt. Wir konnten uns erst nach einer Weile von diesen schrecklichen Bildern lösen... . Zurück blieb auch die Erkenntnis, dass Tokyo vor schlimmeren verschont blieb. Leider hat sich dies nun auch als falsch herausgestellt.
Wir fanden die Gleise der Odakyuline und liefen von Station zu Station, mussten zwischen durch mehrmals fragen und sahen einen Kombini, der fast komplett leer gekauft war. Und obwohl allein dieser Anblick schon verstörrend war, stellten sich alle ganz brav an der Kasse an und warteten bis sie bezahlen konnten. Die Menschen auf den Straßen und die vollen Straßen stadtauswärts ließ mir klar werden, dass wir wo möglich über Nacht in der Stadt schlafen mussten. Gegen 8 Uhr riefen wir im Wohnheim an, ein Dank an Jenny und Alex, dass sie sich durch das Telefongespräch kämpften. Uns wurde geraten in eine Karaokebar zu gehen. Das klang zum Anfang ziemlich komisch, aber in manchen kann man ziemlich von 11 bis 5 Uhr früh für relativ wenig Geld bleiben. Da es in der Bar warm ist und man auch schlafen kann, ist es die gute Alternative zum Hotel. Leider kamen auf diese Idee, auch viele anderen. Wir suchten also eine Karaokebar auf und blieben von 9 bis 11 Uhr dort. Alex und Jenny "gingen" wie gewohnt beim Singen ab. Leider sollte dies, das letzte singen werden. Ich schlief derweil. Kurz nach 11 Uhr machten wir uns wieder auf und siehe da, man vernahm wieder die Geräusche der pulsierenden Großstadt, Züge fuhren. Ich war noch nie so froh das Geräusch
an den Bahnübergängen zu hören. Es wirkte gerade zu beruhigend, "biing, biing"! Wir bewegten uns zum nächsten Bahnhof und dieser war auch wieder voller Menschen. Viele warteten, manche liefen einfach nur durch, manche schliefen und dies auf was für eine Art und Weise, unglaublich. (Ich hoffe Jenny beschreibt diesen schlafenden Japaner). Ich sah auch den ersten Japaner, der die "Kontrolle" verlor und sich mit den Bahnhofsangestellten anlegte. Er war eventuell auch betrunken, aber er blieb der einzige Japaner den ich dabei beobachten konnte, wie er Fassunf verlor. Wir warteten weiter am Bahnhof und kur vor 12Uhr verkündete ein Angestellter, dass nun bald die Bahnen wieder fuhren sollen. Sofort setzte sich die Menge in Bewegung und checkte ganz normal ein und stellte sich unten am Bahnsteig ordnungsgemäß an. Nach weiteren 10 Minuten kam der Zug und beim betreten des Zuges, wurde dann doch mal gedrängelt. Leider war es ein Lokal, das heißt, er hält an jeder Station an und fährt dem zu folge auch nicht so schnell, sprich wir fuhren mindestens 100 Minuten nach Sagamiôno. Der Zug hielt sogar an jeder Station länger um möglichst auch alle mit nehmen zu können. Später erfuhr ich, dass die Odakyu, die einzige Bahngesellschaft, die an diesen Abend noch fuhr. Wir hatten dem zufolge richtig Glück noch nach Hause gekommen zu sein. Im Wohnheim dann verabredeten uns wir vier noch zum Frühstück am nächsten morgen, anschließend benachrichtigte ich erstmal alle und sagte ihnen, dass es mir Gut gehe und nur erschöpft von der Reise sei. Motoi!!! Nachdem ich duschen war, schaute ich noch auf Nachrichtenportale und so verstand ich erst vollkommen, was nun eigentlich an diesen Freitag, den 11.03.2011 in Japan passiert war.
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